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Flamenco bei „Jaleo“: Mach dich schön, wir gehen auf ein Fest

Wiesbadener Tagblatt, 8. September 2007

Von Anja Baumgart-Pietsch

Steppen und Schreiten, im Walzertakt wiegen oder im Disco-Fox kreiseln – unsere Autorin Anja Baumgart-Pietsch hat es im Selbstversuch erlebt. Und schildert ihre Erfahrungen in Tanzschulen in unserer Serie.

Was zieh ich bloß an? Ein Flamenco-Kurs, das ist eine Premiere für mich. Flamenco kenne ich eigentlich nur aus dem Kino oder von Aufführungen in der Höchster Jahrhunderthalle oder auf dem Rheingau Musik Festival. Rüschenröcke, das ist das, was ich assoziiere. So etwas besitze ich natürlich nicht. Ein langes schwarzes Kleid mit leidlich weitem Rock? Irgendwie overdressed. Nach diversen Versuchen gehe ich doch ganz einfach in schwarzer, bequemer Hose und T-Shirt

Schuhe? Am besten Pumps mit festem, nicht zu hohem Absatz. Turnschuhe eignen sich bestimmt überhaupt nicht. Und meine uralten Stepptanzschuhe mit Metallplatten finde ich nicht mehr. Nervös bin ich schon, als ich im Hinterhof in der Blücherstraße parke und das Studio „Jaleo“ betrete – ein paar Minuten zu früh, der Schnupperkurs für Anfänger, an dem ich teilnehmen werde, fängt erst um halb neun an.

Noch tanzen im spanisch angehauchten Kursraum vor den großen Spiegeln Fortgeschrittene. Ich bin beeindruckt von den drei jungen Frauen, die mit ernsten Gesichtern und tadelloser Haltung synchron ihre Schritte absolvieren. Ihre Kurskolleginnen klatschen zum Schluss – ich auch. Doch dann geht der Anfängerkurs los und Gaby Herzog, die Leiterin der Schule, stellt mich gleich in die erste Reihe. Die Atmosphäre ist ungezwungen, etwa zwölf Frauen jeden Alters und ein Mann stehen hinter mir. Und einige haben tatsächlich einen weiten Rock an – andere jedoch sind, wie ich, in normaler Alltagskleidung erschienen.

Bloß die Schuhe, die sehen schon etwas professioneller aus als meine. Die Sohle ist verstärkt, über den Spann gibt ein zusätzliches Riemchen Halt – das ist wichtig, wie ich gleich merke. Denn bei den Flamencoschritten wird oft heftig aufgestampft und die Schuhe sollten dabei den Füßen guten Sitz bieten.

Ein paar Dehnübungen leiten die Stunde ein, dann wiederholt Gaby Herzog, die selbst natürlich ganz stilecht gekleidet ist („Sechs Meter Durchmesser haben diese Röcke!“), Schritte, die der Kurs bereits kennt. Es ist die siebte Stunde eines Kurses mit acht Einheiten – ich muss mich da ziemlich schnell hineindenken. Nicht so einfach! Schon das typische Hand-Kreisen mit zusammengelegten Daumen und Mittelfingern – es sieht simpel aus, aber bis es bei einem selbst halbwegs zu einer harmonischen Bewegung wird, braucht es ein paar Versuche.

Dann sollte man auch eine gute Haltung annehmen. Brust raus, Bauch rein – oder so ähnlich, jedenfalls irgendwie „königlich“, wie Gaby Herzog es nennt. Die gebürtige Südamerikanerin geht mit bestem Beispiel voran und verliert auch nie das fröhliche Lächeln. Sie erinnert die Kursteilnehmer auch immer wieder daran: „Der Text des Liedes, zu dem wir tanzen, heißt übersetzt: Mach dich schön, wir gehen auf ein Fest“, sagt sie. Da dürfe man nicht verkniffen zu Boden schauen. Leichter gesagt als getan. Immer mehr Schritte kommen hinzu, Arme und Beine sollen ganz andere Dinge machen, viel über Kreuz. Konzentration ist gefragt.

Leicht verkrampft fixiere ich im Spiegel abwechselnd meine und Gaby Herzogs Füße. An etwas anderes denken kann ich jetzt jedenfalls nicht mehr, das Abschalten klappt hierbei ziemlich gut – und beim kräftigen, lauten Aufstampfen lässt sich auch viel Dampf ablassen. Ideal, sich vorzustellen, wer oder was da unter der Schuhsohle zermalmt werden könnte – ein guter Ausgleich ist das Flamencotanzen auf jeden Fall. „Das sagen auch viele Kursbesucher“, meint Gaby Herzog später. Die meisten haben natürlich im Spanienurlaub Lust bekommen, einmal so zu tanzen.

Wie zum Beispiel Helga Jedermann, Spanien-Fan seit langem. „Ich habe nicht nur im Urlaub, sondern auch bei einer Vorführung im Tattersall Flamenco gesehen und wollte es selbst versuchen“, erzählt die Rentnerin. Nicole Weiland hat durch ihren Freund, einen Gitarrenbauer, der viel Flamencomusik hört, den Zugang gefunden. Ingeborg Bocks ebenfalls im Urlaub: „Eigentlich wollte meine Tochter tanzen, ich fand das so toll, dass ich mich auch angemeldet habe.“ Und Michaela und Bruno Bernhard wollten „einfach mal eine neue gemeinsame Freizeitbeschäftigung anfangen, das brauchten wir“, erklärt das Ehepaar. Alle buchten zum Kennenlernen den Schnupperkurs, alle wollen nach den Ferien als regelmäßige Teilnehmer weitermachen.

Kann ich nachvollziehen – es packt mich schon, auch wenn die Musik eigentlich nicht so ganz mein Fall ist. Doch als ich durch die kleine Choreographie halbwegs durchgeblickt habe, entsteht ein gutes Gefühl aus Rhythmus, Tönen und Haltung, ein paar Minuten Einklang zwischen Körper und Seele – und gleichzeitig ein gewisser sportlicher Erfolg, denn ins Schwitzen kommt man beim Flamenco durchaus. Die Stunde ist im Nu herum, die Teilnehmerinnen plauschen noch ein wenig – Gaby Herzog mittendrin. Sie ist selbst mit Leib und Seele dabei, ist von einem Bürojob aufs Tanzen umgestiegen und kann sich mittlerweile nichts anderes mehr vorstellen.

„Jaleo“ wird bereits 15 Jahre alt, Hunderte von Schülerinnen und Schülern aller Altersklassen sind bereits durch ihre Schule gegangen. Zumeist Frauen – „Männer sind Exoten, momentan haben wir nur sechs Kursteilnehmer“, sagt Gaby Herzog. Sie unterrichtet aber nicht nur Tanz, sondern auch Kastagnettenspiel – und dafür ist sie eine der wenigen Expertinnen in Deutschland. An ihrer Schule werden auch Prüfungen für dieses ungewöhnliche Instrument abgenommen.

Der Abend hat mir gefallen. Mit königlicher Haltung schreite ich zum Auto…