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Dass man keinen Partner braucht, ist bei weitem nicht der einzige Vorzug beim Flamenco

Vom 02.12.2003

Die Tagblatt-Serie dieser Woche beschäftigt sich mit dem Tanzen, wo man es lernen, wo man es ausüben kann. Den Auftakt macht „Jaleo“. Die gebürtige Chilenin Gaby Herzog unterrichtet Flamenco.

Von Marianne Kreikenbom (Wiesbadener Tagblatt )

WIESBADEN. Die Versuchung, mit einem „Olé“ auf den Lippen die Räume im Hinterhaus der Blücherstraße 20 zu betreten, liegt nahe und wäre für Gaby Herzog durchaus akzeptabel. Das spanische „Olé“ bedeutet „Los!“ oder „Auf!“ Es gehört zum „Jaleo“, einem Lärm, der entsteht, wenn Flamencokünstler durch Zurufe und Klatschen angefeuert werden. „Jaleo“ heißt auch die vor zehn Jahren von Gaby Herzog gegründete Flamencoschule. Insgesamt rund 130 Schüler werden hier in verschiedenen Kursen unterrichtet. Bei nur drei Männern ist das weibliche Geschlecht deutlich in der Mehrzahl. Kein Problem, denn für den Flamenco benötigt man keinen Partner.

Gaby Herzog ist Tochter einer chilenischen Mutter und eines deutschen Vaters. Sie selbst wurde in Chile geboren, wuchs in Lima und Peru auf und kam 1985 nach Deutschland, um hier Musik zu studieren. Wie zum Beweis drückt sie mir eine Demo-CD in die Hand: Klassisches für Kastagnetten und Klavier. Am liebsten spiele sie Bach mit Kastagnetten. „Das macht riesigen Spaß.“

Zum Flamenco gehören die kleinen Rhythmus-Instrumente jedoch eigentlich nicht. Die Hände werden als Ausdrucksmittel gebraucht und halten Fächer oder Tuch. „Flamenco-Puristen sind gegen Kastagnetten.“ Zu den Puristen gehört Gaby Herzog nicht, und so unterrichtet sie auch den Tanz mit Kastagnetten. Darüber hinaus leitet sie Kurse und Workshops für Konzertkastagnetten. Ab 2004 kann man hier bei Fachleuten aus Barcelona sogar eine anerkannte Prüfung in diesem Fach ablegen.

Gaby Herzog ist Mitglied der in Barcelona beheimateten „Asociación Cultural Emma Maleras“, einer internationalen Gesellschaft für künstlerisches Kastagnettenspiel. Deren Namensgeberin und Gründerin entwickelte eine spezielle Notenschrift und Lehrmethode für das Instrument.

Flamenco tanzen, das könnten nur echte Spanier, haben einmal echte Spanier zu Gaby Herzog gesagt, die nicht Flamenco tanzen konnten. Ernst nimmt sie solche Bemerkungen nicht. Schließlich gebe es spätestens seit Carlos Saura und seinem Tanzfilm „Carmen“ überall auf der Welt hervorragende Flamencoschulen, die großartige Flamencotänzer ausbilden. Sogar in Russland und Japan. Auch für Gaby Herzog waren Saura und „Carmen“ das tänzerische Schlüsselerlebnis mit Initialwirkung.

In Wiesbaden nahm die damals 26-Jährige ihren ersten Flamencounterricht, besuchte Tanz-Seminare und gründete 1993 in Taunusstein-Wehen ihre eigene Schule. 1995 zog sie mit „Jaleo“ nach Wiesbaden. Hier fand sie einen Ort, wo der Lärm niemanden stört. Nein, nicht die Musik sei das Problem, sondern das Getrampel. Einen treffenden deutschen Begriff gebe es dafür nicht. „Percussion mit den Füßen vielleicht.“ Ordentliche Flamencoschuhe haben deshalb feste, ein Zentimeter dicke Sohlen und sind an Spitze und Absatz mit Nägeln besetzt. So, dass man sie schon hören kann, wenn man über den Hof in der Blücherstraße auf den Eingang zusteuert.

„Knicken, zur Seite, nach vorn“, dirigiert Gaby Herzog vor der Spiegelwand im Tanzsaal die Handbewegungen der sieben jungen Frauen mit Fächer. Auch das Aufschlagen der Fächer will gelernt sein: „Ein kleiner Stoß mit dem Handgelenk und schon springen sie auf.“ Fußarbeit, Schrittkombinationen, das Klatschen mit den Händen (Palmas), Haltung und Drehung, Rhythmus- und Hörschule zählen zum Unterrichtsprogramm. Die Kostüme schneidert Gaby Herzog in der Regel selbst. Hoch im Kurs stehen bei den Tanzschülerinnen die Farben Rot und Schwarz. „Ich mag es lieber bunt“, sagt die „Chefin“.

Flamenco sei nicht nur ein Tanz und eine Musik, sondern ein Lebensgefühl, erklärt Gaby Herzog. „Geprägt von Stolz und Selbstbewusstsein und einer großen emotionalen Spannbreite.“ Die reicht von Liebe, überschäumender Freude und Leidenschaft bis hin zu Wut und tiefer Trauer. Fast jeden Gefühlszustand kann man sich beim Flamenco von der Seele tanzen. Vermutlich macht ihn das so beliebt.

Die sieben Tänzerinnen stellen sich in Positur. Gitarrist Frank Ihle greift in die Saiten. Immer schneller stampfen die Frauenfüße den Rhythmus. Olé!

Infos zu den Kinder- oder Erwachsenenkursen der Flamencoschule Jaleo in Wiesbaden, Blücherstraße 20, gibt es unter Rufnummer 06 11 / 71 22 59. Weitere Flamenco-Kursangebote in Frankfurt und der Rhein-Main-Region finden sich im Internet unter der Adresse: www.flamenco-seiten.de